Deutschlands Kliniken in Not

Wenn Ärzte und Pfleger verzweifeln

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„Anstrengend und ermüdend“: Pflegerinnen bei der Arbeit im Krankenhaus.

Hannover - Kein Einzelfall: Zwei Jahre lang arbeitete Elena Adam als OP-Schwester im Klinikum Hannover. Dann suchte sie sich einen anderen Job: „Ich konnte die Arbeit gegenüber den Patienten nicht mehr verantworten.“ Die Pflege am Menschen ist selbst zum Pflegefall geworden.

Für die Statistiker bietet der Ort wenig Geheimnisse. Fast alles wird erfasst, dokumentiert, hochgerechnet. Das Durchschnittskrankenhaus hat 263 Betten und behandelt im Jahr rund 10.000 Patienten. Bundesweit werden 18 Millionen „Fälle“ im Laufe eines Jahres abgerechnet; eine Million mehr als vor zehn Jahren, als es noch 300 Kliniken mehr gab. Der Deutsche ist so oft im Krankenhaus, dass europaweit nur die Österreicher (in Relation zur Einwohnerzahl) mithalten können.

Die Kosten? Jeder dritte Euro, den die gesetzlichen Krankenkassen ausgeben, landet bei den Kliniken. Der Betrag steigt Jahr für Jahr; 2013 auf fast 65 Milliarden Euro. Jedes dritte Krankenhaus ist bereits in privater Hand; der Rest ist kommunal oder freigemeinnützig.

Durchschnittspatient ist Ende 50

Die meisten Patienten, die in den Abteilungen für Innere Medizin, aber auch für Neurologie oder Orthopädie behandelt werden, sind heute zwischen 70 und 85 Jahre alt. Der Durchschnittspatient (einschließlich Geburtsabteilung und Kinderstation) ist dagegen Ende 50 und verlässt die Klinik nach sieben Tagen. Anfang der Neunzigerjahre waren es noch zwei Wochen. Der Grund für die zügigere Genesung: Heute wird nach Fallpauschalen abgerechnet; seit 2003 bestimmt der „Blinddarm“ und nicht mehr die sogenannte Verweildauer den Preis.

Die Qualität? Bei dieser Frage passen die Statistiker: Zahlen über den medizinischen Erfolg, die einen Vergleich der Häuser erlauben, gibt es nicht, obwohl seit Jahren mit viel bürokratischem Aufwand Millionen Daten registriert und gesammelt werden. Ein Institut, das im kommenden Jahr erstmals einen Qualitätsvergleich im Internet veröffentlichen soll, wurde auf Initiative der Regierungskoalition gerade erst gegründet.

Was meinen Sie? Ärzte und Pfleger monieren schlechte Bedingungen in deutschen Krankenhäusern. Wie sind Ihre Erfahrungen? Zum Glück habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Es kommt sehr stark auf das jeweilige Krankenhaus an. Die Bedingungen sind katastrophal. // set a new cookie with expiry ten minutes function setPollCookie() { expiry = new Date(); expiry.setTime(expiry.getTime()+(10*60*1000)); document.cookie = "LastURIPoll=;path=/;expires=" + expiry.toGMTString(); }

Krankenhaus als „Schicksals-Mühle“

Weniger nüchtern als die Statistiker urteilen Mediziner wie Eckart von Hirschhausen, im Hauptberuf Kabarettist und Moderator, über den Zustand des Krankenhauses. Es sei eine „Schicksals-Mühle“, ein Ort existenzieller Schicksals-Dramatik. Der Patient lande in einer Gegenwelt zur heutigen Turbo- und Effizienzgesellschaft mit ihrem Ideal eines Vollkaskolebens. Kaum eingeliefert, fühle er sich stillgelegt und entmündigt, in einem fremden Getriebe mit oft schwer nachvollziehbaren Regeln. Die „größte Idiotie“ im Gesundheitswesen sei das sehr Hierarchische im Krankenhaus, meint von Hirschhausen.

Markus Fröhling, 
Klinikleiter und Orthopäde: „Chefärzte müssen heute lernen, kaufmännisch zu denken.“

Quelle:

Diese „Idiotie“ hat den Orthopäden Markus Fröhling aus dem Land vertrieben. Vor zehn Jahren wanderte der Bremer Klinikarzt nach Großbritannien aus, um dort für das dreifache Gehalt Knie, Hüften und Wirbelsäulen zu operieren. Ihn lockte das Geld, aber nicht nur. Dem „Spiegel“ erzählte er damals, dass er der unerträglichen Selbstherrlichkeit seiner Vorgesetzten entkommen wollte. Einen Chef, der rumbrüllt, gebe es in England nicht. In Deutschland herrsche der Chefarzt wie ein Monarch und bringe den Nachwuchs auf Linie. Um den Patienten gehe es im Klinikalltag zuallerletzt.

Generation Y duldet nicht mehr alles

Fröhling ist vor zwei Jahren nach Deutschland zurückgekehrt und musste feststellen, dass sich vieles verändert hat. Nicht nur die Arzt-Gehälter sind kräftig gestiegen; auch die Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. „Die Generation Y ist nicht mehr bereit, bestimmte Verhaltensweisen zu erdulden“, sagt Fröhling.

Seit Sommer 2013 leitet Markus Fröhling in Dannenberg die Elbe-Jeetzel-Klinik, die der schwedische Gesundheitskonzern Capio dem Landkreis bereits 2006 abgekauft hat. Noch macht das Haus Verluste; Fröhlings Auftrag lautet: die Wende schaffen, vom dicken Minus zu einem top-profitablen Gesundheitszentrum mit 110 Betten, einer Geburtsstation, einer geriatrischen Abteilung für die älter werdende Landkreisbevölkerung, einem angegliederten medizinischen Versorgungszentrum und Facharztpraxen, die der Patient ohne Überweisung aufsuchen kann.

Was bedeutet...

Fallpauschale: Seit 2003 ist die Diagnose entscheidend für die Frage, was nach einem Klinikaufenthalt auf der Rechnung steht. „Diagnosis Related Groups“ (DRG) lautet der Begriff; übersetzt diagnosebezogene Fallgruppen, kurz Fallpauschalen. Für das Einsetzen einer neuen Hüfte zahlt die Kasse beispielsweise in Niedersachsen 6486 Euro. In Hamburg 6701 Euro, in Rheinland-Pfalz 7028 Euro. Landesbasisfallwert: Die Preisunterschiede zwischen den Bundesländern werden mit regionalen Unterschieden wie Lebenshaltungskosten und Gehälter der Klinikmitarbeiter begründet. Eine bundesweit einheitliche Bewertung wird dabei mit dem sogenannten Landesbasisfallwert multipliziert, den die Kassen und Krankenhäuser auf Länderebene jedes Jahr neu vereinbaren. Liegezeiten: Früher wurde nach Liegezeiten abgerechnet. Da jeder zusätzliche Tag bares Geld bedeutete, gehörte Deutschland zu den Ländern mit den längsten Liegezeiten.Fehlanreize durch DRG: Die Kassen vermuten, dass oft Operationen angesetzt werden, weil sie lukrativer sind als alternative Therapien. So bekamen vor zehn Jahren rund 100.000 Menschen eine neue Hüfte – heute sind es 250 000 Menschen pro Jahr. Auch Bandscheibenvorfälle werden immer öfter operiert. Die Kliniken argumentieren, dass die Patienten älter und damit kränker werden

Chefärzte müssen kaufmännisch denken

Ohne einen Zuschlag der Krankenkassen wird das nicht gelingen. Fröhling hat es sich von Experten ausrechnen lassen: Der strukturelle Nachteil der Dannenberger Klinik beträgt aufgrund ihrer ländlich abgelegenen Lage etwa 2 Millionen Euro. Mit Zahlen kennt er sich aus. Der Orthopäde hat eine Zusatzausbildung als Ökonom absolviert - aus Überzeugung. Heute ärgert sich Fröhling nicht mehr über brüllende Chefärzte, sondern über das Desinteresse der Mediziner, wenn es um den wirtschaftlichen Erfolg geht. „70 Prozent der Klinikärzte haben mit der Ökonomie des Hauses zu tun, sind aber ahnungslos.“ Ein Chefarzt müsse heute auch lernen, kaufmännisch zu denken, damit die Klinik eine Zukunft habe. „Ansonsten setzt sich der Stärkere durch - und das nutzt selten dem Patienten.“

Die Pflegewissenschaftlerin Sabine Bartholomeyczik, die seit Jahren über die Kommunikationsprobleme zwischen Ärzten und Pflegenden forscht, teilt Fröhlings Einschätzung, dass der Nachwuchs die alten Führungsstrukturen nicht mehr akzeptiert. „Viele junge Ärzte wünschen sich einen kooperativen Stil.“ Die neue Generation setze auf Teamarbeit. Aber für eine generelle Entwarnung sieht Bartholomeyczik keinen Anlass: Im Klinikalltag sei die patriarchale Haltung der „großen“ Ärzte gegenüber den „kleinen“ Pflegenden noch vorherrschend. Etwas lässt hoffen: Immer mehr Frauen, die in der Regel weniger anfällig sind für das „Weiße-Götter-Gehabe“, tragen den weißen Kittel.

Unmut gegen alte Hierarchien

Der Unmut der Jungen gegen die alten Hierarchien ist vor allem auf dem Stellenmarkt spürbar. Nicht nur die Landarztpraxen haben Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden, auch die Kliniken. 400 Fachärzte fehlen derzeit allein in Niedersachsen. Krankenhäuser engagieren professionelle Vermittler, um frei werdende Stellen zu besetzen. Jeder zehnte Arzt in Niedersachsen ist bereits Ausländer; die meisten der 3500 kommen aus Osteuropa. 2013 startete das niedersächsische Sozialministerium ein Kommunikationstraining für die Zuwanderer, damit es im Arzt-Patient-Verhältnis keine Missverständnisse gibt.

Allerdings leidet das Krankenhaus nicht nur unter dem Problem, wie es in Zukunft Ärzte gewinnt. Nicht nur der Orthopäde Fröhling, auch die gelernte Krankenpflegerin Elena Adam ist am Klinikalltag verzweifelt. Zwei Jahre lang arbeitete die 27-Jährige als OP-Schwester im Klinikum Hannover, bevor sie beschloss, sich einen anderen Beruf zu suchen.

Elena Adam, 
ehemalige Krankenschwester: „Ich konnte die Arbeit gegenüber den Patienten nicht mehr verantworten.“

Quelle:

Operationen wie am Fließband

Am meisten machten ihr die „Durchgangszeiten“ zu schaffen. So heißen im Klinikalltag die Abstände, in denen die Patienten in den Operationssaal geschoben werden. Da im OP-Saal das Geld verdient wird, und nicht auf der Station, wird das Tempo ständig erhöht. „Manchmal waren wir noch dabei, die Wunde zuzunähen, als schon der Nächste in Narkose gelegt wurde“, erzählt sie. „Es kam vor, dass das blutige Besteck der vorangegangenen OP noch nicht abgeräumt war.“ Wie am Fließband habe sie sich manchmal gefühlt. 15 Knie-OPs, 30 Hüften am Tag waren keine Seltenheit. Einmal hat sie erlebt, dass die Knieprothesen vertauscht wurden; das linke Gelenk war im rechten Bein, und umgekehrt. Der Patient kam ein zweites Mal unters Messer.

Auch sie hat Ärzte erlebt, die unwirsch werden, wenn die Schwester nicht den Doppellöffel bereit gelegt hat, den er „immer“ nimmt. Sie hat mit Chefärzten gearbeitet, die den Assistenzarzt vor versammelter Mannschaft - und schlafendem Patienten - anbrüllen, weil er nicht spurt.

Körperlich anstrengend, geistig ermüdend

Elena Adam hat aufgegeben, obwohl die OP-Teams in grünen Kitteln großes Ansehen in der Klinik-Hierarchie genießen. Sie wollte nicht mehr. „Die Arbeit war körperlich anstrengend und geistig ermüdend.“ Und das Wichtigste: Sie habe sie nicht mehr gegenüber den Patienten verantworten können.

Elena Adam ist kein Einzelfall. Und wenn Politiker beteuern, dass sich schon viel verbessert habe, sind Zweifel erlaubt. Eine Umfrage des Instituts Arbeit und Technik (IAT) ergab, dass drei Viertel der befragten Pflegekräfte der Ansicht sind, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert haben, weil neue Aufgaben hinzugekommen sind, ohne dass mehr Personal eingestellt wurde.

Alles muss dokumentiert werden

Vieles, was früher der Arzt erledigte, übernimmt nun die Pflege. 78 Prozent gaben in der IAT-Umfrage an, in letzter Zeit verstärkt Wunden zu versorgen oder Spritzen zu setzen. Hinzu kommt die Verpflichtung, jede Verrichtung zu dokumentieren. Viele klagten darüber, zu wenig Zeit für ihre Kernaufgaben wie das Gespräch mit dem Patienten und den Angehörigen zu haben. 83 Prozent erklärten, dass auf ihrer Station wichtige Aufgaben vernachlässigt würden.

„Die Pflege am Menschen ist selbst zum Pflegefall geworden“, warnt die Caritas in einem Protestschreiben an Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Egal, ob im Altenheim oder im Krankenhaus. „Es muss mehr und besser bezahltes Personal geben.“

Tariferhöhung über Stellenabbau finanziert

Lange ist das Gegenteil passiert. Allein in den Jahren 1995 bis 2005 wurden 50.000 Stellen im Pflegedienst von den Kliniken gestrichen, während Arztstellen um 20.000 aufgestockt wurden. Tariferhöhungen wurden zuletzt oft über Stellenabbau finanziert. Nach Berechnungen der Gewerkschaft Verdi sind bundesweit 70.000 zusätzliche Stellen nötig, um eine verantwortbare Pflege in den Kliniken zu garantieren.

Bei Verdi sorgt man sich vor allem, dass immer mehr nicht examinierte, preiswerte Pflegehilfskräfte auf der Station eingesetzt und mit der Betreuung der Patienten alleingelassen werden. Verdi-Mitarbeiter Uwe Ostendorff beklagt zudem ein „massives Downgrading“. Die examinierte Pflegerin übernehme immer mehr Verantwortung an der Seite des Arztes; der Brutto-Monatsverdienst betrage unverändert 3000 Euro. Der Trend zur Ausgliederung der Pflege in tariffreie Unternehmen lasse vermuten, dass die Bezahlung in Zukunft eher schlechter statt besser werde.

Pflegeassistenten sollen Fachkräfte entlasten

Was tun? An Ideen fehlt es nicht. Drei Jahre lang testete das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium an drei Kliniken, wie man die Arbeit besser organisieren kann. Es wurden Pflegeassistenten eingestellt, um die Fachkräfte zu entlasten. Jeder Patient bekam eine Pflegekraft als persönliche Ansprechpartnerin zur Seite gestellt. Am Ende waren sich alle Projektteilnehmer einig, dass das Modell Regelfall werden sollte. Die Patienten waren zufriedener, die Pflegenden selbstbewusster. Aber der Regelfall kostet Geld.

In den Reformplänen, die eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe im Dezember in Berlin präsentierte, fehlen derartige Ideen. Stattdessen wird ein dreijähriges Pflegeförderprogramm von 660 Millionen Euro vorgeschlagen, von dem die Pflege auf der Station profitieren soll. Nach Berechnungen von Verdi wären das gerade mal ein bis zwei Pflegekräfte pro Krankenhaus. „Ein Placebo“, heißt es.

Gewerkschaft fordert ein Pflegebemessungsgesetz

Die Gewerkschaft fordert ein Pflegebemessungsgesetz, das jeder Klinik eine Personalquote vorschreibt. „Wir benötigen bundesweit verbindliche Regelungen für Krankenhäuser, damit Pflege und menschliche Zuwendung nicht zu kurz kommen“, meint auch Nordrhein-Westfalens grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens. Die Koalition in Berlin scheut jedoch die Rechnung für feste Personalvorgaben.

Und der Patient? Helene Heinrich (Name geändert) geriet in die „Schicksals-Mühle“, nachdem ihr ein Arzt mitfühlend eröffnet hatte, dass sie - wie fast 500.000 andere Deutsche im Jahr - an Krebs erkrankt ist. Das Erste, was sie in der Klinik lernte, war Geduld. Endlose Stunden verbrachte sie in ihrem Krankenbett vor verschlossenen Türen, vor denen sie ein Pfleger abgestellt hatte und hinter denen die nächste Untersuchung wartete. Sie wurde in Röhren geschoben, narkotisiert, aufgeschnitten, zugenäht, und jedes Mal hoffte sie, dass in der spürbaren Hektik niemand einen Fehler machte.

Als Nächstes lernte sie, Fragen zu vertagen, weil niemand Zeit für Antworten hat. Die Pflegerinnen machten klar, dass sie nicht „zuständig“ sind. Es schien, als hätten sie bereits vor Jahren beschlossen, sich vor Mitgefühl zu schützen. Auf die tägliche Visite des Arztes konnte sich die Patientin Heinrich zwar verlassen, aber selten traf sie auf jemanden, der ihr erklärte, warum die nächste Untersuchung notwendig war und wie die Blutwerte zu interpretieren waren. In der Regel wurde ihr ein Formular in die Hand gedrückt, das über mögliche Komplikationen informiert.

Patienten als Forschungsobjekt

Sie selbst diente brav als Forschungsobjekt und beantwortete Medizinstudenten alle Fragen zur Krankengeschichte, ohne jemals zu erfahren, wie sie damit der Medizin dient. Sie lernte außerdem: Wenn der Patient ein Privatpatient ist, kann er mit mehr Aufmerksamkeit rechnen. Der Oberarzt schaut auch am Sonnabend zur Visite vorbei, was sich - wie die „Erörterung einer Lebensveränderung“ und die OP-Handschuhe - auf der Extra-Rechnung wiederfindet.

Und Helene Heinrich lernte andere Schicksale kennen. Die Krebspatientin, die zeitlebens nie krank war und die ihren Mann stützt und tröstet, als er auf dem Flur zu schluchzen beginnt. Und Achmed, den Krebspatienten, der seine Krankengeschichte immer bei sich trägt und jeden Befund, jede neue Tabelle über Laborwerte in einem Aktenordner abgeheftet. Wie Frontberichte gegen einen unsichtbaren Feind. Heinrich begegnete ihm im Vorzimmer zur PET-CT-Untersuchung, wo er der Sprechstundenhilfe 800 Euro auf den Tisch blätterte. Die Frau rät Achmed, die Rechnung abzuwarten und dann das Geld diskret zu überweisen, aber er lässt sich nicht abwimmeln. Die Frau greift zum Telefonhörer, wählt, fragt nach. „Ja, ja, die Krankenkasse hat die Kostenübernahme abgelehnt. Ja, wir haben einen Sonderpreis ausgemacht.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Achmed eine Untersuchung aus der eigenen Tasche zahlt. Kriege sind teuer.

Weisheit, heißt es, sei eine seltene Begleiterscheinung des Alters. Man erkennt Fehlentwicklungen. Der emeritierte Professor Rafael Dudziak beklagte vor Jahren bei seinem Abschied vom Frankfurter Uniklinikum, dass der Patient zum reparaturbedürftigen Objekt degradiert werde und unter Kollegen nur noch knapp als „koronarer Bypass“ oder als „Lunge“ firmiere. Walter Möbius, der einst Bonner Prominente in seiner Klinik operierte, beschreibt in seinem Buch „Der Krankenflüsterer“, wie wichtig Verständnis, Respekt und Geduld für die Heilung sind. Der gute Arzt untersuche seinen Patienten zuerst mit seinen Augen, er schaue hin, höre zu. Eckart von Hirschhausen ist überzeugt, dass jeder Patient mehr braucht als eine hochtechnisierte Medizin, um gesund zu werden. Humor sei wichtig, um Ängste zu überwinden. Das Wichtigste: „Patienten wollen wieder vom Fall zum Menschen werden.“

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