Aus der Geschichte der WLZ

Am 10. Mai 1887 gab der Korbacher Jungunternehmer Wilhelm Bing in seiner Druckerei „Im Tempel“ die erste Ausgabe der Corbacher Zeitung heraus. Unter dem Titel Waldeckische Landeszeitung hat seine Gründung bis heute Bestand. In vielen Familien zwischen Eder und Diemel kommt die vertraute Heimatzeitung seit Generationen ins Haus und gehört zur unverzichtbaren Morgenlektüre.

Der Journalist, Buchdrucker und Verleger Wilhelm Bing begründete die „Corbacher Zeitung". Foto: WLZ

In einem kleinen Fachwerkhaus hinter dem Rathaus hatte sich der erst 28-Jährige selbstständig gemacht. Am 27. November 1858 war er in Usingen im Taunus geboren worden, in der südhessischen Stadt lernte er das Handwerk des Schriftsetzers und Buchdruckers. Seine Wanderjahre führten ihn durchs In- und Ausland, auch mit dem Zeitungswesen beschäftigte er sich intensiv. In „Corbach“ heiratete Bing 1896 die damals 28-jährige Hermine Fennel aus Bad Wildungen und gründete eine Familie. Schon in der ersten, vier Seiten umfassenden „Probe=Nummer“ seiner Zeitung legt der Journalist, Buchdrucker und Verleger eine Mischung aus Nachrichten vor, die das Blatt bis heute auszeichnet. Die Rubriken „Politische Rundschau“ und „Waldeck und Nachbarschaft“ zeigen die Schwerpunkte auf. Schnell gewann er Abonnenten, aus der zunächst zweimal wöchentlich am Mittwoch und Samstag zugestellten Corbacher Zeitung wurde 1910 mit der Waldeckischen Landeszeitung die erste landesweit verbreitete Tageszeitung. 

Am Dienstag, 10. Mai 1887, erschien die erste Ausgabe der Corbacher Zeitung, aus der 1910 die Waldeckische Landeszeitung hervorgegangen ist. Foto: WLZ

Ab dem „Drei-Kaiser-Jahr“ 1888 erschien die Zeitung schon dreimal die Woche. Im Dezember 1889 zog der Verlag in größere Räume in der „Alten Post“ neben der Nikolaikirche um. 1902 baute Wilhelm Bing am Obermarkt ein neues Geschäfts- und Wohnhaus, das bis heute steht. Ab 1904 brachte er im Kreis der Twiste die dreimal die Woche erscheinende Arolser Zeitung heraus. Sie verdrängte die ältere „Waldecksche Rundschau“ zunehmend. Um der breiteren Leserschaft im gesamten Fürstentum gerecht zu werden, führte Bing am 1. Dezember 1910 den Titel Waldeckische Landeszeitung ein. Untertitel: Corbacher Zeitung – Arolser Zeitung. Bereits am 1. Oktober 1910 gab es eine weitere gravierende Neuerung: Als erste Zeitung in Waldeck kam die WLZ täglich von montags bis samstags heraus. Nur zwei Jahre später traf die Familie ein schwerer Schlag: 1912 starb Wilhelm Bing mit nur 54 Jahren. Die Verlagsführung übernahm seine 34-jährige Frau Hermine. 

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Die Auflage stieg in den vier Kriegsjahren: Tausende Soldaten ließen sich ihre Heimatzeitung per Feldpost an die Fronten nachschicken. Nach dem Krieg und ihren politischen Umwälzungen 1918/19 investierte die Familie Bing weiter. 1919 stellte sie die erste Rotationsmaschine auf, die eine große Erleichterung beim Zeitungsdruck brachte. 1920 übernahm der Bing-Verlag von Ernst Funk die „Wildunger Zeitung“, fünf Jahre später auch seine Druckerei und die Buchhandlung. In der zweiten Hälfte des Jahres 1923 stellte die galoppierende Inflation auch den Bing-Verlag vor große Herausforderungen. Doch der Betrieb überlebte – während viele andere Zeitungsverleger im Reich aufgeben mussten. Neue Konkurrenz kam auf, war aber wenig erfolgreich. Zum 1. April 1936 bekam die Waldeckische Landeszeitung den Untertitel Arolser Zeitung – Corbacher Zeitung – Wildunger Zeitung, der bis heute den Kopf ziert. Der Verlag in Korbach modernisierte, er kaufte neue Druckmaschinen und eine größere Rotation. 

Indessen stand der Generationswechsel an: 1932 übernahmen Wilhelm Bings Söhne Ludwig und Dr. Hermann Bing die Leitung. Der 1902 geborene Ludwig kümmerte sich überwiegend um den Verlag, der drei Jahre jüngere promovierte Volkswirt Hermann legte seinen Schwerpunkt auf die Redaktion. Die Brüder wussten um die prägende Bedeutung der Vergangenheit und interessierten sich für die Landesgeschichte und das Brauchtum Waldecks – was sich in der Ausrichtung des Verlages niederschlug. Schon 1924 hatte Ludwig Bing in der WLZ die Beilage „Mein Waldeck“ ins Leben gerufen, die später sein Bruder Hermann und dessen Tochter Dr. Ursula Wolkers fortführen sollten. Und 1931 übernahm der Bing-Verlag die Herausgabe des seit 1727 bestehenden Waldeckischen Landeskalenders. 1982 kam der neu gegründete Frankenberger Heimatkalender hinzu. Der Verlag hat zudem zahlreiche Bildbände, Reiseführer, geschichtliche Darstellungen, Dorfchroniken und Schriften des Waldeckischen Geschichtsvereins gedruckt und eigene Bücher über den Kreis herausgebracht, etwa die vier „Waldeckischen Lesebücher“ von Hermann Bing, der „Waldeckische Ortsspott“ von Ludwig Bing oder „Land an Eder und Diemel". 

Durch die Weltwirtschaftskrise 1929 scheiterte die ohnehin kriselnde Weimarer Republik, Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte am 30. Januar 1933 den "Führer" der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, zum Reichskanzler – in wenigen Monaten war eine blutige Diktatur errichtet. Damit verbunden war die „Gleichschaltung“ aller Organisationen – und auch der Presse. So hatte sich auch die WLZ den Sprachregelungen des Regimes zu beugen und massive Propaganda zu veröffentlichen. Die WLZ erschien auch im Krieg weiter, bis zum Gründonnerstag, 29. März 1945, dem Tag des Einmarschs amerikanischer Truppen in Korbach. Eine Militärregierung übernahm das Kommando, alle Altverleger bekamen ein Berufsverbot. 

In Waldeck erschienen nach einigen zeitungslosen Monaten zunächst eine Nebenausgabe der „Hessischen Nachrichten" aus Kassel. Von 1948 bis 1950 gab der gebürtige Nürnberger Ludwig Wilhelm Steinkohl im gepachteten Korbacher Verlagshaus der Bings mit einer US-Lizenz den „Waldecker Kurier“ heraus. Doch die Waldecker fremdelten mit Blatt. Als auch die Altverleger wieder eine Lizenz bekamen, gab Steinkohl auf, die WLZ erschien ab dem 1. Juli 1950 wieder. 

Am 4. August 1962 nahm die Waldeckische Landeszeitung das neu errichtete Verlagshaus an der Lengefelder Straße in Korbach in Betrieb. Foto: WLZ

Während in den 1950er Jahren bundesweit ein erneutes Zeitungssterben einsetzte und zahlreiche kleine Blätter gerade von Altverlegern eingingen, machten sich Ludwig und Dr. Hermann Bing an den Wiederaufbau des Korbacher Verlages: 1953 erweiterten sie die Produktionsfläche des Betriebes, 1959 investierten sie in eine neue Rotation, und am 4. August 1962 wurde das neue Verlagshaus an der Lengefelder Straße fertig. 1976 kam die Buchdruckerei am Brauberg hinzu, die 1995 in einen Neubau in der Briloner Landstraße umzog. Technisch war der Verlag stets ein Vorreiter. 

Als die Kreise Waldeck und Frankenberg zum 1. Januar 1974 im Zuge der Gebietsreform zusammengeschlossen wurden, übernahmen die Bings von der Verlegerfamilie Kahm die 1870 gegründete Frankenberger Zeitung. In nur zwei Jahrzehnten hat sie ihre Auflage mehr als verdoppelt. Im Herbst 2015 wird sie eingestellt. 

1969 trat mit Dr. Wilhelm Bing ein Nachfolger aus der dritten Generation in die Geschäftsleitung ein, 1975 wurde der Sohn Dr. Hermann Bings Geschäftsführer. Die beiden Söhne des Firmengründers blieben bis zu ihrem Tode im Verlag aktiv – 1986 starb Ludwig Bing, 2003 sein Bruder Hermann, der auch im hohen Alter noch publiziert hat. Seine Tochter Dr. Ursula Wolkers übernahm die Redaktion des Waldeckischen Landeskalenders und der Beilage „Mein Waldeck“. Sie starb 2007 unerwartet im Alter von 68 Jahren. 

August Witte, Kurt Hönig und Kurt Kratzenberg im Juli 1960 in der Maschinensetzerei der WLZ: Die Linotype-Maschinen ersparten die Arbeit mit einzelnen Bleilettern. Foto: Hahn

Seit etwa drei Jahrzehnten läuft eine rasante und grundlegende Entwicklung der Zeitungstechnik. In den 1970er-Jahren bekam der Verlag die ersten Computer, sie lösten die Schreibmaschinen in der Redaktion und die Setzmaschinen in der Technik ab. Heute gestalten Redakteure und Techniker das Layout der Seiten komplett am Bildschirm, auch die Bildbearbeitung läuft rein digital. Per Knopfdruck wandern die WLZ-Seiten über schnelle Datenleitungen nach Kassel-Wallau in die moderne Druckerei. 

Auch als Vertriebswege von journalistischen Inhalten gewinnen die digitalen Medien an Bedeutung, ob es das Internet ist oder seit Juni 2011 die „Applikation“ für das „i-Pad“, auf das sich Leser die komplette WLZ-Zeitungsausgabe herunterladen können. Längst gibt es „online“ Zusatzangebote, etwa Bildergalerien und Videos zu lokalen Großereignissen im Internet. Geschäftsleuten bietet die WLZ als Medienpartner umfassende und indivuell zugeschnittene Werbekonzepte an - von der klassischen Zeitungsanzeige über Internet-Banner bis zum Imagevideo. 

Lesegewohnheiten ändern sich ebenso. Die Zeitung hat wesentlich mehr Struktur bekommen und ist durch farbige Hintergrundkästen oder die Rubrikköpfe auch im Lokalen übersichtlicher geworden. Der Umfang hat sich enorm ausgeweitet. Dank der technischen Entwicklung ist die Berichterstattung zugleich aktueller geworden. 

Stabübergabe am Stammsitz des Bing-Verlags in Korbach: (v. l.) Christoph Rüth, Geschäftsführer der Madsack Mediengruppe, Daniel Schöningh, Geschäftsführer der MBG Medien Beteiligungsgesellschaft mbH Bad Hersfeld, WLZ-FZ-Verkaufsleiterin Marina Kieweg, der künftige Geschäftsführer Markus Pfromm und Chefredakteur Jörg Kleine. Foto: WLZ

In der Zeitungslandschaft vollzogen sich weitere Veränderungen. 2004 endete die Verantwortung der WLZ-Gründerfamilie: Dr. Wilhelm Bing gab den solide aufgestellten Verlag an die Mediengruppe Madsack aus Hannover ab. Seit Januar 2015 ist die Bad Hersfelder Medien-Beteiligungsgesellschaft MBG mit Geschäftsführer Daniel Schöningh alleinige Gesellschafterin. Zu der Gruppe gehören unter anderem die "Hersfelder Zeitung" und die "Werra-Rundschau" in Eschwege.

Auch wenn die neuen Medien wie Internet und Twitter aktueller sein können: Der gedruckten Zeitung bleibt das Privileg, umfassend zu berichten, zu analysieren, einzuordnen, Bezüge zu schaffen, Hintergründe zu liefern, Schneisen ins Informationsdickicht zu schlagen. Das kann kein anderes Medium leisten. Und kein anderes Medium kann lokale Themen so breit gefächert aufbereiten wie die Heimatzeitung. Und so bleibt die heimatverbundene Zeitung der Waldecker wohl weiter bestehen: ihre gute, alte, aber täglich frische Waldeckische Landeszeitung. 

Literatur: 

  • 100 Jahre Waldeckische Landeszeitung. Sonderausgabe, in: Waldeckische Landeszeitung, Nummer 112 vom 16. Mai 1987. 
  • Hermann Bing. Stationen eines Lebens, Korbach 1995. [Von der Familie Bing zum 90. Geburtstag von Dr. Hermann Bing herausgegeben.] 
  • Helmut Nicolai, Arolsen. Lebensbild einer deutschen Residenzstadt, Glücksburg 1954. 
  • Wolfgang Medding, Korbach. Die Geschichte einer deutschen Stadt, Korbach 1955. 
  • Karl Schilling, Die Heimatzeitung der Waldecker feiert Jubiläum, in: Waldeckischer Landeskalender 2012. 
  • Eva-Juliane Welsch, Die hessischen Lizenzträger und ihre Zeitungen, Dortmund 2002.